Vanille Carbone, the perfumer’s word

Vanille Carbone, Die Worte der Parfümeurin

Natalie Gracia-Cetto, Parfümeurin – Interview


Was hat Sie an der Welt der Maison besonders fasziniert?

Mich fasziniert vor allem, wie jede Kreation einen Rohstoff in den Mittelpunkt stellt und ihn in all seinen Facetten zur Geltung bringt – ob klassisch oder ungewöhnlich.

Jede Ingredienz erhält eine echte Bühne und entfaltet eine olfaktorische Signatur, die zugleich kontrastreich und nuanciert ist. Selbst ikonische Materialien wie Vanille werden hier neu gedacht.

Besonders reizvoll finde ich diesen Prozess des Entdeckens und Offenlegens verborgener Facetten eines Rohstoffs. Genau diese Art der „Enthüllung“ macht die Parfümerie für mich so spannend.

Wie würden Sie die Welt von Atelier Materi beschreiben und wie haben Sie diese in Ihrem Duft interpretiert?

In dieser Komposition wollte ich der Vanille ihre ganze Kraft zurückgeben, und sie gleichzeitig in eine Haltung von großer Feinheit und radikalem Minimalismus einbetten.

Hier wird Vanille zeitgenössisch interpretiert und erhält eine zugleich singuläre und kostbare Dimension. Der Duft zeigt ihre intrinsische Schönheit in einem neuen Licht, ohne ihre Essenz zu verfälschen.

Diese Verbindung von Tradition und Moderne ist für mich ein zentrales Merkmal von Atelier Materi.

Was hat Sie an den Inspirationsquellen des Briefings besonders angesprochen? Was hat Sie zu Vanille Carbone inspiriert?

Mich hat vor allem die Idee des Kontrasts fasziniert, zwischen matt und leuchtend, zwischen Schatten und Licht, die in perfekter Harmonie koexistieren.

Diese Dualität erinnert an Ausdrucksformen aus der Malerei, in denen große Meister gelernt haben, Spannung und Ausgewogenheit gleichzeitig zu komponieren.

Für Vanille Carbone wollte ich genau dieses Prinzip in Duft übersetzen: ein Spiel der Gegensätze, das die Tiefe der Vanille offenbart und zugleich Licht in die Komposition bringt.

Es ist dieses Zusammenspiel olfaktorischer Facetten, das dem Duft seine besondere Dimension verleiht.

Gibt es eine Duft-Erinnerung, die diese Kreation beeinflusst hat?

Ja. Ich erinnere mich sehr genau an den Moment, als ich zum ersten Mal eine Vanilleschote gerochen habe. Ich war überrascht von ihrer Komplexität, weit entfernt von dem süßen, gourmandigen Bild, das man oft mit Vanille verbindet. Stattdessen zeigte sie animalische, fast rohe Facetten. Genau diese Vielschichtigkeit wollte ich in Vanille Carbone einfangen und jene weniger bekannten Seiten dieses ikonischen Rohstoffs sichtbar machen.

Vanille Carbone ist eine außergewöhnliche Vanille, zugleich tief und kontrastreich. Wie sind Sie mit dieser Dualität von Schatten und Licht in der Komposition umgegangen?

Durch die gezielte Auswahl olfaktorischer Paarungen. Ich habe einen Lederakkord integriert, der der Komposition sowohl Struktur als auch Raffinesse verleiht. Um diese opulente Basis auszubalancieren, habe ich würzige Noten hinzugefügt, insbesondere schwarzen Pfeffer und rosa Pfefferbeeren.

Die rosa Pfefferbeeren bringen eine helle, spritzige und fast funkelnde Frische in den Duft, ein Kontrast zur Vanille, die warm, tief, sinnlich und intensiv wirkt. Genau diese Alchemie zwischen Licht und Schatten macht Vanille Carbone so einzigartig und fesselnd.

Vanille ist ein ikonischer Rohstoff der Parfümerie. Wie wollten Sie ihn neu interpretieren?

Mein Ziel war es, seine weniger bekannten Facetten sichtbar zu machen und mich bewusst vom klassischen gourmanden Ansatz zu entfernen. Ich wollte seine edle, sinnliche Dimension hervorheben und ihn in einer tieferen, verführerischeren Nuancierung zeigen. So wird Vanille nicht nur süß interpretiert, sondern als komplexer Rohstoff mit großer emotionaler Tiefe neu definiert.

Sie haben drei außergewöhnliche Vanille-Qualitäten verwendet. Können Sie erklären, was jede einzelne zur Komposition beiträgt?

Ich habe drei hochwertige Vanilleextrakte ausgewählt, um eine vielschichtige Struktur zu schaffen, wobei jede Variante eine eigene Dimension einbringt.

Vanille Absolute Madagascar Orpur™ entfaltet eher lederartige, animalische Facetten und bildet die warme, sinnliche Basis der Komposition.
Vanille CO₂ Absolute Madagascar Orpur™ bringt eine luftige, helle Frische in die Kopfnote und schafft einen spannenden Kontrast zur Tiefe der Basis.
Vanille Tincture Madagascar Orpur™ erinnert an die Vanille aus der Patisserie und verleiht der Komposition eine feine, fast zarte gourmandige Nuance.


Welche Rohstoffe spielen neben der Vanille eine zentrale Rolle?

Eine Schlüsselrolle spielt der Lackleder-Akkord. Er basiert vor allem auf Labdanum-Resinoid, das eine warme, ambrierte Tiefe erzeugt, sowie Styrax, das eine lederartige, fast vinylartige Textur beisteuert und der Komposition einen glänzenden Effekt verleiht.

Im Kopfakkord habe ich außerdem schwarzen Pfeffer (Black Pepper Oil Madagascar Orpur™) eingesetzt, der dem Duft eine matte, vibrierende Energie gibt. Dieser steht im Kontrast zu rosa Pfefferbeeren, die wiederum eine strahlende, funkelnde Frische einbringen.

Die Textur und Tiefe des Duftes wirken sehr intensiv. Wie haben Sie diesen Effekt erzielt?

Ich habe bewusst mit besonders hochwertigen, edlen Rohstoffen gearbeitet. Diese natürlichen Materialien besitzen bereits eine intrinsische Komplexität, die der Duftstruktur Tiefe und Volumen verleiht. Durch das Spiel mit unterschiedlichen Texturen entsteht ein mehrdimensionales olfaktorisches Erlebnis, in dem jede Facette ihren eigenen Ausdruck findet und dennoch Teil eines harmonischen Ganzen bleibt. Diese Präzision in der Auswahl und Verarbeitung der Materialien ist entscheidend für die eindrucksvolle Tiefe und Struktur von Vanille Carbone.

Was macht Vanille Carbone für Sie zu einem geschlechtsneutralen Duft?

Vanille Carbone ist für mich ein geschlechtsneutraler Duft, weil Vanille als Rohstoff eine universelle emotionale Sprache spricht. Sie ruft Kindheitserinnerungen hervor, vertraute Empfindungen, die Menschen unabhängig von Geschlecht verbinden. In dieser Komposition habe ich zudem bewusst auf konventionelle Codes verzichtet, die traditionell als „maskulin“ oder „feminin“ gelesen werden. Dadurch entsteht eine Balance, die sich klar von klassischen Zuordnungen löst. 

Jeder Duft ist letztlich eine persönliche Entscheidung. Vanille Carbone lädt jede und jeden dazu ein, die eigene Identität durch den Duft individuell zu interpretieren und auszudrücken.

Wann wussten Sie, dass der Duft vollendet ist?

Für mich ist ein Duft dann fertig, wenn ich in der finalen Bewertung feststelle, dass alle kleinen Anpassungen und Varianten mich vollständig überzeugen. In diesem Moment spüre ich, dass die Komposition stabil ist und auch über die Zeit hinweg Bestand haben wird.

Ebenso wichtig ist das Vertrauen in die Wirkung des Duftes auf andere – seine Ausstrahlung, seine Präsenz und sein olfaktorischer Ausdruck. Wenn all diese Elemente zusammenfinden, weiß ich, dass der Duft vollendet ist.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Erfahrung?

Pure Freude während des gesamten kreativen Prozesses. Jede Phase der Entwicklung war von Begeisterung und intensiver kreativer Energie geprägt.

Wenn Sie Vanille Carbone in drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Sinnlich, reichhaltig, intensiv.