"Die authentische Duftsignatur von Atelier Materi hat mich vom ersten Moment an fasziniert.“
Können Sie uns von Ihrer ersten Dufterinnerung erzählen?
Meine Kindheit verbrachte ich mit meiner Familie auf dem Land zwischen Toulouse und Agen, im Tal der Garonne. Meine Mutter war Innenarchitektin, mein Vater Landarzt. Ich wuchs umgeben von Feldern, Obstgärten und blühenden Gärten auf, eine Welt voller Düfte, die sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben.
In meinen Kindheitserinnerungen spielen Gerüche eine zentrale Rolle. Besonders präsent sind die Düfte der Jahreszeiten und ihr ständiger Wandel: das Erwachen des Frühlings, die Wärme des Sommers, die Melancholie des Herbstes und die klare Kälte des Winters.
Ebenso lebendig sind meine Erinnerungen an die handwerkliche Backstube meines Großvaters. Dort stellte er eine Spezialität aus Bon-Encontre her: den Tortillon, einen duftenden Hefekranz mit Noten von Orangenblüte, Zitrone und Vanille. Noch heute sind diese olfaktorischen Erinnerungen für mich außergewöhnlich präsent.
Gibt es einen Alltagsduft, der Sie besonders berührt?
Ich liebe Tee und habe bei der Arbeit fast immer eine Tasse neben mir stehen.
Besonders schätze ich die feine Verbindung von Bergamotte und rauchigen Holznoten. Earl Grey Smoky ist für mich eine wahre Madeleine de Proust, die augenblicklich Erinnerungen wachruft. Der Duft von Tie Guan Yin, einem chinesischen Oolong-Tee, versetzt mich hingegen sofort nach China.
Der Duft, der mich jedoch am tiefsten berührt, ist der meiner beiden Kinder, die zarte Wärme ihrer Haut und der vertraute Geruch ihrer Haare. Kein anderer Duft bewegt mich so sehr.
War es diese besondere Sensibilität für die Düfte Ihrer Umgebung, die Sie zur Parfümeurin werden ließ?
Ganz bestimmt.
Schon als Kind war ich von Gerüchen fasziniert. Ich liebte es, an Pflanzen, Blumen, Früchten, Gemüse oder sogar an Büchern zu riechen. Die Vielfalt und Ausdruckskraft von Düften haben mich immer in ihren Bann gezogen.
Als ich später entdeckte, dass der Beruf der Parfümeurin existiert, erschien mir dieser Weg sofort selbstverständlich. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern vielmehr eine natürliche Bestimmung – die offensichtliche Verbindung zwischen meiner Leidenschaft für Düfte und meinem Wunsch, daraus einen Beruf zu machen.

Welche Bedeutung haben Parfums in Ihrem Leben – über die Düfte des Alltags hinaus?
Parfums nehmen in meinem Leben einen ganz besonderen Platz ein, da ich eine sehr intensive Beziehung zu Düften habe. Jede Note, jede Komposition besitzt die Fähigkeit, mich augenblicklich an bestimmte Momente, Orte oder Begegnungen meines Lebens zurückzuführen.
Ein Duft kann Erinnerungen wachrufen, Emotionen freilegen und vergangene Augenblicke mit erstaunlicher Klarheit wieder lebendig werden lassen. Parfum ist für mich weit mehr als ein Accessoire, es ist ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit und eng mit meiner Geschichte verbunden.
Wie sind Sie Parfümeurin geworden und woher kam dieser Wunsch?
Alles begann, als ich acht Jahre alt war. Zu Weihnachten schenkte mir meine Großmutter ein kleines Set mit Fläschchen, die verschiedene Duftakkorde enthielten. Stundenlang beschäftigte ich mich mit diesen kostbaren Essenzen und entdeckte voller Staunen die vielfältigen Facetten von Rose, Jasmin, Zitrusfrüchten, Hölzern und Balsamen.
Diese erste Begegnung mit der Welt der Düfte weckte meine Neugier und legte den Grundstein für meine Leidenschaft für die Parfümerie.
Später begeisterte ich mich für ein sensorisches Spiel rund um die Weinverkostung, das die Entdeckung von rund hundert verschiedenen Duftnoten ermöglichte. Mit großer Ausdauer trainierte ich meinen Geruchssinn und lernte, immer komplexere Duftkombinationen zu erkennen und zu unterscheiden.
Mit den Jahren wurde meine Leidenschaft immer stärker. Eine prägende Begegnung war jene mit Jean-Claude Ellena in Grasse. Damals war mir noch nicht bewusst, welch außergewöhnliches Glück diese Begegnung bedeutete. Er gab mir wertvolle Ratschläge für meinen beruflichen Werdegang und bestärkte mich in dem Gefühl, meinen Weg gefunden zu haben.
Nach dem Abitur schlug ich den klassischen Ausbildungsweg der Branche ein. Zunächst studierte ich Chemie, bevor ich meine Ausbildung am ISIPCA fortsetzte. Während dieser Zeit sammelte ich zudem praktische Erfahrungen im Rahmen eines dualen Programms bei Synarome.
Haben Sie einen Lieblingsakkord?
Statt von einem Lieblingsakkord zu sprechen, würde ich eher sagen, dass es bestimmte Rohstoffe gibt, mit denen ich besonders gerne arbeite.
Einer davon ist Muskatellersalbei. Dieses Material fasziniert mich immer wieder durch seine Vielschichtigkeit und Ausdruckskraft. Man findet es auch in Rose Ardoise. In Verbindung mit Ambroxan, das eine mineralische Dimension einbringt, entsteht eine außergewöhnlich moderne und beinahe magische Wirkung.
Darüber hinaus fühle ich mich seit jeher von ambrierten Noten angezogen, insbesondere von der warmen, tiefen Sinnlichkeit des Labdanums, mit dem ich in Cuir Nilam gearbeitet habe.
Ich muss jedoch gestehen, dass meine größte Leidenschaft der Schokolade gilt. Besonders fasziniert mich weißer Kakao, ein Rohstoff, der sich in Cacao Porcelana wiederfindet. Durch das außergewöhnliche Röstverfahren eines Meister-Chocolatiers entwickelt er ein unverwechselbares, fein geröstetes Aroma.
Dieser Rohstoff vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Genuss, das beinahe süchtig macht. Wenn ich an einer Formel arbeite, rieche ich regelmäßig daran. Sein Duft beruhigt mich ebenso sehr, wie er meine Kreativität beflügelt.

Was können Sie uns über Ihre Zusammenarbeit mit Atelier Materi erzählen?
Ich habe die Kollektion kurz nach ihrer Lancierung im Jahr 2020 entdeckt, als sie aus sechs Düften bestand. Gemeinsam mit Véronique Le Bihan, der Gründerin des Hauses, durfte ich anschließend die beiden Kreationen Rose Ardoise und Cuir Nilam entwickeln.
Schon bei der ersten Entdeckung der Kollektion fiel mir auf, dass jeder Duft etwas Besonderes besitzt, eine subtile Sinnlichkeit, die den Wunsch weckt, ihn auf der Haut zu tragen und zu erleben.
Mich faszinierte sofort die unverwechselbare olfaktorische Signatur des Hauses. Sie beruht auf einem kreativen Ansatz, der heute selten geworden ist: echte künstlerische Entscheidungen, die sich bewusst von Konventionen lösen. Die Kompositionen sind reich an Nuancen, stark von der Materialität der Rohstoffe geprägt und zeichnen sich durch eine moderne Handschrift sowie eine bemerkenswerte Einzigartigkeit aus.
Was ich an der Zusammenarbeit mit Véronique besonders schätze, ist ihr Mut. Der Mut, ungewöhnliche Kontraste zu wagen und überraschende Verbindungen zu schaffen. Der Mut, bestimmte Rohstoffe bewusst zu überdosieren oder seltene Ingredienzen in den Mittelpunkt einer Komposition zu stellen.
Gemeinsam suchen wir stets nach Spannung, Kontrast und Überraschung. Unser Ziel ist es, mutige olfaktorische Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig jene natürliche Eleganz zu bewahren, die den Kreationen von Atelier Materi ihre besondere Ausstrahlung verleiht.
Darüber hinaus hatte ich das große Glück, von Beginn an auf die Unterstützung meines gesamten Teams zählen zu können. Gemeinsam pflegen und entwickeln wir diese kreative Zusammenarbeit nun bereits seit drei Jahren mit derselben Begeisterung und Leidenschaft.

Können Sie uns etwas über Ihren kreativen Prozess erzählen?
Um meiner Kreativität freien Lauf zu lassen, brauche ich zunächst ein Gefühl von Verwurzelung und Inspiration. Es ist mir wichtig, mich mit Dingen zu umgeben, die mir Geborgenheit schenken und zugleich meine Vorstellungskraft anregen.
So begleitet mich beispielsweise eine kleine Buddha-Figur aus Sandelholz überallhin. Hinzu kommen Origami-Faltungen, die besondere Erinnerungen in mir wachrufen, sowie ein Foto meiner Kinder.
Ebenso wichtig ist es für mich, meine Lieblingsrohstoffe stets in Reichweite zu haben. Ich betrachte sie, rieche an ihnen und nehme ihre Textur wahr. Zurzeit arbeite ich besonders gerne mit Tonkabohnen. Ich halte sie in den Händen, reibe sie zwischen den Fingern und erwärme sie, um ihre Facetten immer wieder neu zu entdecken.
Auf diese Weise schaffe ich mir eine ganz persönliche Welt, einen geschützten Raum, in dem ich vollständig in den kreativen Prozess eintauchen kann. Dazu gehört auch, mich von äußeren Ablenkungen abzuschirmen. Musik spielt dabei eine wichtige Rolle, ebenso wie der Duft einer warmen Tasse Tee oder ein kleines Stück Schokolade, das meine Sinne belebt und meine Konzentration fördert.
Wie nähern Sie sich den kreativen Briefings von Atelier Materi?
Die Zusammenarbeit mit Véronique schätze ich sehr. Die Welt von Atelier Materi besitzt eine starke Identität, und ihre Briefings sind stets außergewöhnlich inspirierend. Sie enthalten Schlüsselbegriffe, visuelle Referenzen, olfaktorische Eindrücke und persönliche Inspirationsquellen, die eine reiche kreative Grundlage schaffen.
Gleichzeitig verbindet Véronique große Offenheit gegenüber dem kreativen Prozess mit einem kompromisslosen Anspruch an die Qualität der Rohstoffe. Diese müssen aus den besten Herkunftsregionen stammen und sowohl Mensch als auch Natur respektieren.
Noch bevor ich mit dem eigentlichen Komponieren beginne, suche ich nach einem Namen für die Kreation. Der Name ist für mich von zentraler Bedeutung, denn er beeinflusst die Richtung meiner Inspiration und verleiht dem Projekt eine erste Identität.
Welcher Name wurde schließlich für Cuir Nilam gewählt und was war Ihre Inspiration?
Für die Entwicklung von Cuir Nilam wünschte sich Véronique einen Patchouli-Leder-Duft von außergewöhnlicher Eleganz. Die Inspiration für die Lederfacette fand ich in der ikonischen Lederjacke, dem Perfecto, einem Symbol für Stil, Charakter und Haute Couture.
Um diese Idee besser zu verstehen, beschäftigte ich mich intensiv mit der Geschichte dieses Kleidungsstücks. Meine Recherchen führten mich schließlich in die Welt des Kinos, wo ich entdeckte, dass die erste legendäre Lederjacke auf der Leinwand von Marlon Brando im Film The Wild One getragen wurde.
Von diesem Moment an lag der Name der Kreation auf der Hand: „The Wild One“.
Dieser Titel verkörperte perfekt die Spannung, die wir suchten, zwischen Eleganz und Rebellion, zwischen Raffinesse und Freiheit. Eine Dualität, die sich auch im Charakter von Cuir Nilam wiederfindet.

Welche kreativen Entscheidungen haben Sie bei der Komposition von Cuir Nilam getroffen?
Für die Entwicklung von Cuir Nilam habe ich verschiedene Lederqualitäten ausgewählt, um ihre jeweiligen Facetten hervorzuheben und miteinander zu verbinden. Ziel war es, einen Lederakkord zu schaffen, der zugleich luxuriös, authentisch und vielschichtig wirkt.
Um dem Leder eine grüne, lebendige Dimension zu verleihen, integrierte ich Veilchenblatt in die Kopfnote. Kardamom sorgt für eine elegante Würze, während ein Hauch von Kreuzkümmel Wärme und Tiefe einbringt.
Für die Patchouli-Note entschied ich mich bewusst für eine großzügige Dosierung, um eine zeitgenössische Interpretation dieses Rohstoffs zu schaffen – weit entfernt von den stereotypen Assoziationen der Hippie-Kultur. Verschiedene Patchouli-Qualitäten wurden miteinander kombiniert, um Kontraste zu verstärken und die charaktervolle Lederfacette des Duftes noch stärker hervorzuheben.
Das Ergebnis ist eine Komposition, die zwischen Raffinesse und Sinnlichkeit, zwischen Eleganz und Charakter balanciert.
Welche Düfte tragen Sie persönlich? Tragen Sie mehrere Düfte?
Grundsätzlich trage ich vor allem meine eigenen Kreationen. Das ermöglicht es mir, ihre Entwicklung über die Zeit hinweg zu beobachten und sie im Alltag zu erleben.
Mein aktueller Lieblingsduft ist Rose Ardoise, den ich seit mehreren Monaten regelmäßig trage. Seine mineralische Ausstrahlung, seine zurückhaltende Kraft und seine geheimnisvolle Tiefe faszinieren mich immer wieder aufs Neue.
Besonders berühren mich Düfte, die mit bestimmten Lebensabschnitten verbunden sind. Sie tragen Erinnerungen in sich und werden zu emotionalen Wegbegleitern. So versetzt mich beispielsweise Fleurs d’Oranger augenblicklich in meine Kindheit zurück und erinnert mich an die Backstube meines Großvaters.
Ebenso begeistert mich Diorella, dessen Energie und Frische mich bis heute faszinieren.
In diesem Sommer habe ich jedoch vor allem die kommende Kreation von Atelier Materi getragen. Sie hat bereits zahlreiche Komplimente hervorgerufen und mich während der letzten Monate begleitet. Noch kann ich nicht zu viel verraten, aber die Veröffentlichung steht kurz bevor. Ein wenig Geduld also noch.