Baptiste Lanne, Portrait of a Sculptor

Baptiste Lanne, Porträt eines Bildhauers

Können Sie sich in wenigen Worten vorstellen?

Ich wurde 1987 geboren und lebe und arbeite heute in einem kleinen Dorf im Südwesten Frankreichs. Die Landschaft dort ist geprägt von einem Fluss, dichten Wäldern und dem Blick auf die Pyrenäen. Eine raue, kraftvolle Natur, geformt von Wasser, Vegetation und Gebirgszügen.

Dieser Ort bietet den idealen Rahmen für meine künstlerische Arbeit. Hier finde ich die Ruhe und Nähe zur Natur, die meine Praxis als Bildhauer wesentlich prägen.

Wie würden Sie Ihren Stil und Ihre Werke beschreiben?

In meiner Arbeit wird Holz geschnitzt, geschliffen, poliert, zusammengesetzt und gefärbt. Doch letztlich geht es mir nicht darum, das Material selbst in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr versuche ich, es zu transformieren, bis seine ursprüngliche Beschaffenheit beinahe in den Hintergrund tritt.

Mich faszinieren die Formen, Kräfte und Gesetzmäßigkeiten der Natur. Durch die Skulptur versuche ich, diese oft unsichtbaren Phänomene sichtbar und erfahrbar zu machen. Es entsteht eine Wirklichkeit, die uns umgibt und zugleich immer ein Stück weit entgleitet.

Für mich ist Skulptur ein Mittel, unsere Wahrnehmung neu auszurichten, eine Einladung, die schöpferische Kraft des Lebendigen mit anderen Augen zu betrachten. Jede Arbeit ist der Versuch, unsere Vorstellung von Natur zu erweitern und ihre Komplexität neu zu erfassen.

Im Idealfall sprechen meine Werke irgendwann nicht mehr über Holz, Technik oder Materialität. Sie werden zu Trägern von Licht, Präsenz und Emotion im Raum.

Ich wünsche mir, dass die Menschen meine Skulpturen wie Spiegel oder in organischer Materie geschriebene Gedichte erleben. Dass sie darin ihre eigenen Geschichten erkennen: Wege, die sie gegangen sind, Herausforderungen, die sie überwunden haben, und die Wandlungen, die sie geprägt haben.

Was inspiriert Sie? Wann fühlen Sie sich besonders inspiriert?

Meine größte Inspirationsquelle ist die Natur selbst. Pflanzen, Tiere, Mineralien, alles Lebendige und Organische zieht meine Aufmerksamkeit auf sich.

In den letzten Jahren haben insbesondere Wälder, Pfade und Flussläufe meine Arbeit beeinflusst. Oft entstehen die stärksten Impulse während langer Spaziergänge und Erkundungen in der Natur.

Dabei erlebe ich manchmal, was ich gerne als „pflanzliche Epiphanien“ bezeichne: kurze Momente der Offenbarung, in denen ein gefallener Ast, ein Stück Holz oder eine ungewöhnliche Form plötzlich eine besondere Präsenz erhält. Für einen Augenblick scheint darin eine Botschaft verborgen zu sein, etwas, das über seine reine Erscheinung hinausweist.

Genau diese flüchtigen Augenblicke des Staunens nähren meine Arbeit und bilden oft den Ausgangspunkt für neue Skulpturen.

Wie gestaltet sich Ihr kreativer Prozess?

Nach einer Phase des Beobachtens und der Kontemplation beginnt in der Werkstatt ein stiller Dialog mit den Fundstücken aus der Natur.

Jedes Stück Holz bringt seine eigene Geschichte, seine eigene Präsenz mit. Meine Aufgabe besteht darin, aufmerksam zuzuhören. Welche Eingriffe sind notwendig? Was sollte entfernt werden und was muss erhalten bleiben? Mit welchen Werkzeugen lässt sich das verborgene Potenzial eines Materials sichtbar machen?

Dieser Prozess ist von Fragen geprägt, selten von Gewissheiten. Im Zentrum steht dabei immer dieselbe Überlegung: Welche Geschichte möchte dieses Stück erzählen?

Gibt es Künstlerinnen oder Künstler, die Sie besonders inspirieren?

Zu den Künstlern, die mich besonders beeinflussen, gehören Jean Arp, David Nash und Barbara Hepworth. Ich bewundere ihre Fähigkeit, mit Licht und Schatten ebenso zu arbeiten wie mit dem Material selbst.

Auch die Malerei von Pierre Soulages beeindruckt mich zutiefst. Sein Umgang mit Schwarz und Licht besitzt eine außergewöhnliche Kraft und Sensibilität.

Ihre Werke erinnern daran, dass Skulptur immer Teil eines langen Prozesses ist – eines fortwährenden Dialogs zwischen Material, Zeit und Wahrnehmung.

Welches Verhältnis haben Sie zur Zeit?

Die Entfaltung einer Pflanze vollzieht sich so langsam, dass sie sich unserem Blick häufig entzieht. Bäume wachsen in einem Rhythmus, der unserem eigenen Atem näher ist als dem hektischen Takt der modernen Welt. Sie kennen keine Eile und messen der Zeit keine Bedeutung bei.

In diesem Sinne empfinde ich eine starke Verbindung zwischen pflanzlichem Wachstum und der Bildhauerei. Beide Prozesse entwickeln sich langsam, schichtweise und in einer Form von Kontinuität, die Geduld verlangt.

In einer Gesellschaft, die von Beschleunigung geprägt ist, schenkt mir diese Langsamkeit ein Gefühl von Beständigkeit und Ruhe. Sie erinnert mich daran, dass wahre Transformation Zeit benötigt.

Wir waren von Ihrer Skulptur „Échauffure“ tief berührt, die wir für die Lancierung unseres neuen Duftes Cèdre Figalia ausgewählt haben. Können Sie uns ihre Geschichte erzählen?

Échauffure entstand aus einem Stück Ahornholz, das ich auf einem brachliegenden Gelände entdeckte.

Das Holz hatte durch die Einwirkung eines Pilzes eine chemische Veränderung erfahren, wodurch jene faszinierenden Maserungen entstanden, die man als „Échauffure“ bezeichnet. Diese natürlichen Spuren wirken beinahe wie Zeichnungen, die das Material selbst hervorgebracht hat.

Mich faszinierte die Vorstellung, dass hier zwei verschiedene Reiche, das pflanzliche und das pilzliche – miteinander in Beziehung treten und gemeinsam etwas Neues erschaffen. Die Muster, die aus dieser stillen Alchemie hervorgegangen sind, erschienen mir von außergewöhnlicher Schönheit.

Mit der Skulptur wollte ich genau diese Begegnung sichtbar machen: die poetische Transformation eines Materials durch die Kräfte des Lebendigen und die Schönheit, die aus dieser Wechselwirkung entsteht.

Welches Verhältnis haben Sie zu Parfum?

Die Hölzer, mit denen ich arbeite, sammle ich selbst in der Natur. Oft handelt es sich um Fundstücke, die bereits seit langer Zeit am Boden liegen und ihre Blätter verloren haben. In solchen Fällen ist es nicht immer einfach, ihre Herkunft eindeutig zu bestimmen.

Natürlich geben Rinde, Farbe oder Dichte erste Hinweise. Doch häufig beginne ich damit, das Holz zu riechen. Denn jede Baumart offenbart sich vor allem durch ihren Duft, durch die Geruchsspuren ihres Harzes, ihrer Säfte und ihrer Gerbstoffe.

Die Schriftstellerin Dominique Roques beschreibt dies in ihrem Buch Le Parfum des Forêts besonders treffend, wenn sie über die Zeder schreibt. Für sie gehört dieser Baum zu den wenigen Wesen der Natur, die die menschliche Vorstellungskraft über Jahrhunderte hinweg geprägt haben. Seine Widerstandskraft gegenüber der Zeit verdankt er seinem Reichtum an Harzen und aromatischen Substanzen, die ihm seinen unverwechselbaren Duft verleihen.

Mich fasziniert die Fähigkeit von Düften, längst vergessene Erinnerungen wieder zum Leben zu erwecken. Es ist, als könnte man durch Gerüche durch die Zeit reisen und plötzlich in vergangene Lebensabschnitte zurückkehren.

Aus meiner Kindheit sind mir vor allem bestimmte Duftbilder geblieben: die Gerüche eines Mal- und Bildhauerateliers, das ich regelmäßig besuchte, eine Mischung aus Ölfarbe, Terpentin, Acryl und feuchter Erde. Oder der intensive Duft von Orangenblüte, den meine Mutter gelegentlich im Haus versprühte und der aus einem mit plissiertem Stoff umhüllten Flakon stammte. Ebenso erinnere ich mich an Wintertage, an denen mit Gewürznelken gespickte Orangen das Haus erfüllten.

Wenn ich darüber nachdenke, bilden genau diese Erinnerungen wahrscheinlich die Grundlage meiner heutigen Duftvorlieben: eine Verbindung von würzigen, warmen und holzigen Facetten.

Was dürfen wir Ihnen für das Jahr 2024 wünschen?

Ich wünsche mir, meine Arbeiten häufiger außerhalb des Ateliers zeigen zu können, neue Ausstellungsorte zu entdecken und ein breiteres Publikum zu erreichen.

Gleichzeitig beschäftigt mich die Idee, meine Begeisterung für die Bildhauerei und für die Welt des Lebendigen an Kinder weiterzugeben. Ich denke über Workshops und Kurse nach und vielleicht sogar über die Gründung einer kleinen Kunstschule, möglicherweise bereits im kommenden Herbst.

Ich stelle mir einen Ort vor, an dem Kreativität, Neugier und Freiheit ihren Platz finden, einen Raum, in dem junge Menschen die Möglichkeit haben, ihre Wahrnehmung zu schärfen und ihre eigene Ausdrucksform zu entdecken.

Ein abschließendes Wort?

Lassen wir uns von dem leiten, was sich nicht in Worte fassen lässt.